Anfang Juli 2026 hat Cirrus Aircraft etwas vorgestellt, das es in dieser Form seit Jahrzehnten nicht mehr gab: einen Trainer, der von Grund auf neu entwickelt wurde – kein Retrofit, kein Facelifting einer SR-Serie, sondern ein echtes Clean-Sheet-Projekt. Der TRAC10 ist ein dreisitziger Trainer, der ausschließlich für Flugschulen gedacht ist, und er kommt mit einer Kombination aus Rotax-Turbo, Garmin-Sicherheitstechnik und Cirrus-Fallschirm. Was das für die Ausbildung bedeutet – und warum auch wir in Europa aufhorchen sollten.
Der Steckbrief: Was steckt im TRAC10?
Angetrieben wird der TRAC10 von einem Rotax 916 iSc FADEC mit 160 PS. Der Motor verbraucht laut Cirrus 5,9 Gallonen pro Stunde bei 65 Prozent Leistung – das ist etwas über 22 Liter, nicht dramatisch mehr als eine C172. Praktisch: Der Rotax akzeptiert 100LL, 91/94 UL-Kraftstoff und ausgewählte Mogas-Mischungen. Beim Avgas-Ausstieg – für den die Uhr längst läuft (unser Artikel zu bleifreien Kraftstoffen zeigt das Dilemma) – bleibt der TRAC10 also flexibler als viele klassische Schulflugzeuge.
Das Cockpit: Garmin-Avionik mit Electronic Stability & Protection (ESP) und dem sogenannten Blue Level Button – ein Knopf, der das Flugzeug auf ein stabiles Horizontalniveau zurückbringt, ohne dass der Schüler was tun muss. Dazu CAPS, der Cirrus-Rettungsfallschirm. Cirrus IQ sorgt für Flottenmonitoring, WartungsTracking und automatische Datenbank-Updates. Der dritte Sitz – erhöht und nach vorne ausgerichtet – ist für einen Beobachter ausgelegt und kann mit einem konfigurierbaren Display für Lehrszenarien ausgestattet werden.
Zwei Details stechen noch heraus: Stick Shaker, wie man sie aus Linienflugzeugen kennt, sollen im Training das Stallgefühl großer Turbinenmuster simulieren. Und ein Cuffed Wing soll die Spin-Resistenz erhöhen – offiziell spinzugelassen ist der TRAC10 damit allerdings nicht, was in Pilotenforen bereits diskutiert wird.
Die Zahlen zur Markteinführung
Über 100 Bestellungen von 13 Flugschulen weltweit lagen bei der Ankündigung bereits vor. Einstiegspreis: 499.900 US-Dollar. Erste Auslieferungen in den USA sind für 2027 geplant, internationale Lieferungen folgen ab 2028. Gebaut wird in Duluth, Minnesota; Cirrus investiert gleichzeitig 13 Millionen Dollar in eine Erweiterung des Werks in Grand Forks um 2.800 Quadratmeter.
Bei AirVenture 2026 in Oshkosh (die Messe läuft noch bis 26. Juli) stand bei Cirrus zwar die SR G7+ mit dem neuen Safe-Return-Autolandesystem im Mittelpunkt – der TRAC10 wird als natürliche Fortsetzung der Cirrus-Wachstumsstrategie präsentiert, nicht als Oshkosh-Neuheit.
Was das für Europa bedeutet
Internationale Auslieferungen erst 2028 heißt: Vor einer EASA-Musterzulassung dürfte noch Zeit vergehen. Zum Vergleich: Die Diamond DA40 NG mit dem gleichen Austro-Engine-Kerosinmotor hat Jahrzehnte an EASA-Zulassungserfahrung. Der TRAC10 wird in Europa also frühestens Ende des Jahrzehnts eine realistische Option für Flugschulen sein – sofern Cirrus die Zulassung anstrebt, was noch nicht offiziell bestätigt ist.
Interessant ist der Kontext: Die EASA arbeitet derzeit intensiv an der Vereinfachung des PPL-Ausbildungsrahmens (EASA RMT.0678), und die neue FAA-MOSAIC-Regelung, die den Light-Sport-Rahmen in den USA deutlich erweitert, könnte perspektivisch auch die Zertifizierungswege für Trainer wie den TRAC10 beeinflussen (was MOSAIC für Europa bedeutet).
Für deutsche Flugschulen, die heute mit C172, DA40 oder PA-28 ausbilden, ist der TRAC10 damit zunächst eine Beobachtung: Was Cirrus hier baut, ist eine klare Ansage in Richtung professioneller Berufspiloten-Ausbildung. Ob das Konzept – hochintegriertes Cockpit, Rettungsfallschirm, Dreiersitz mit Beobachterschiene – tatsächlich besser ausbildet als der klassische Zweisitzer ohne Automation, bleibt eine offene pädagogische Frage. Die Antwort werden wir ab 2027 aus amerikanischen Flugschulen hören.
Quellen: Cirrus TRAC10 (cirrusaircraft.com); AVweb, 06.07.2026; AOPA, 07.07.2026; GlobalAir – Cirrus bei Oshkosh 2026, 21.07.2026
