Im Juli haben wir den Medical-Stau beim LBA ausführlich beschrieben: Monate- bis jahrelange Wartezeiten auf Tauglichkeitsentscheidungen des Referats L6 in Braunschweig, ein demografisch ausgedünnter Fliegerarztbestand, und ein System, das im europäischen Vergleich als Ausreißer nach unten gilt. Seitdem hat sich einiges bewegt – oder zumindest viel angekündigt. Hier das Update.
Was den Stein ins Rollen brachte
Im Spätsommer 2025 trat LBA-Juristin Nina Coppik öffentlichkeitswirksam aus der Behörde aus und machte dabei Vorwürfe gegen das Referat L6: Laut ihrer Darstellung ignorierten medizinische Sachverständige in Verweisungsfällen nicht nur Verfahrensrecht, sondern auch gerichtliche Vorgaben. Die Devise im Referat laute: „Im Zweifel untauglich." Kurz darauf veröffentlichte der aerokurier Auszüge aus einem bis dahin unter Verschluss gehaltenen EASA-Auditbericht mit sechs sicherheitsrelevanten Findings zur LBA-Flugmedizin – ein erheblicher Reputationsschaden für die Bundesoberbehörde.
Das Bundesverkehrsministerium reagierte im November 2025: Es forderte im Rahmen seiner Rechts- und Fachaufsicht sechs Fallakten zur Prüfung an. Der stichprobenhafte Eindruck, so eine Ministeriumssprecherin gegenüber airliners.de, habe für ein Eingreifen ausgereicht. Details zum Maßnahmenpaket nannte das Ministerium nicht – immerhin aber eine Ansage.
Was die Zahlen sagen
Parallel lief von Oktober 2025 eine aerokurier-Umfrage, an der 602 Pilotinnen und Piloten teilnahmen – vom Segelflugschüler bis zum ATPL. Das Bild ist eindeutig: Nur knapp drei Prozent der Betroffenen bekamen eine Entscheidung des LBA in unter einem Monat. 27,5 Prozent warteten sechs bis zwölf Monate. Rund 30 Prozent warteten mehr als ein Jahr – davon ein Großteil über zwei Jahre. 40 Prozent der Befragten gaben an, der Fall gefährde ihre berufliche Existenz.
Die Konsequenz: 22 Untätigkeitsklagen gegen das LBA sind nach der Umfrage bekannt, dazu vier Amtshaftungsklagen gegen die Bundesrepublik Deutschland. Piloten, die nicht klagen wollen oder können, weichen zunehmend auf Austro Control aus – das österreichische Pendant bearbeitet denselben Part-MED-Rahmen schneller und mit weniger Bürokratie. Einige Betroffene zahlen schlicht zweimal im Jahr die AME-Untersuchungsgebühr, weil die Auflage für halbjährliche Verlängerungen steht und die Stammakte beim LBA seit Jahren liegt.
Der Runde Tisch: Diagnose, aber noch kein Heilmittel
Am 9. Februar 2026 versammelte Staatssekretär Stefan Schnorr alle Beteiligten in Bonn: LBA, BAF, EASA, Airlines, Fliegerarztverband, Vereinigung Cockpit, DAeC und AOPA-Germany. Alle Anwesenden teilten die Diagnose: strukturelles Problem, viel zu lange ignoriert, Deutschland Schlusslicht unter allen EASA-Mitgliedstaaten.
Der Kontrast zum Bundesamt für Flugsicherung (BAF) war ernüchternd: Das BAF bearbeitet Verweisungen für Fluglotsen – nach denselben Part-MED-Regeln – regelmäßig in drei Arbeitstagen, maximal einer Woche. Beim LBA dauert dasselbe für Piloten Monate.
Das Ministerium hatte bereits die Unternehmensberatung PwC mit einer Aufgaben- und Strukturanalyse des gesamten LBA beauftragt. Auf dem Runden Tisch präsentierten PwC und die anwesenden Verbände weitgehend deckungsgleiche Empfehlungen: messbare KPIs einführen, Verweisungen konsequent auf den konkreten medizinischen Anlass beschränken, mehr Honorarkräfte einsetzen, Checklisten und Flow-Charts nach internationalem Vorbild. Eine nicht-öffentliche Hotline für Fliegerärzte ist ebenfalls auf der Agenda, kurzfristige Arbeitsgruppen zu Prozessgestaltung und Kommunikation wurden bereits eingerichtet.
Die neue Leitung des Referats L6 – seit dem 16. Januar 2026 ist Patrick Meinecke im Amt, ein Jurist aus der LBA-Abteilung L4 – setzt auf administrative Strukturierung statt medizinische Expertise im Chefsessel. Das klingt zunächst kontraintuitiv, ergibt aber Sinn: Die Grundprobleme im Referat sind organisatorischer, nicht medizinischer Natur.
Was sich konkret geändert hat
Seit Januar 2025 hat das LBA einen Telefonservice eingerichtet – ein kleiner, aber nicht unwichtiger Schritt:
- Telefonsprechzeiten: Montag, Mittwoch und Freitag, 9–11 Uhr
- Medizinische Anfragen: 0531 2355-4680
- E-Mail Sachstandsnachfragen: flugmedizin@lba.de
- Beschwerden und Anregungen an die Referatsleitung: RefL6@lba.de
- Widerspruchsverfahren: Rechtsangelegenheiten-Luftfahrtpersonal@LBA.de
Das ist ein Fortschritt gegenüber der früheren Situation, in der viele Betroffene schlicht keine Reaktion auf Anfragen bekamen. Ob die Sprechzeiten mit wachsender Fallzahl skalieren, bleibt abzuwarten.
Was Betroffene jetzt tun können
Bis die Reformen strukturell greifen – die AOPA schätzt sechs bis zwölf Monate für erste spürbare Verbesserungen – bleibt das System schwerfällig. Ein paar Stellschrauben gibt es trotzdem:
Frühzeitig verlängern. Das Tauglichkeitszeugnis nicht auf den letzten Tag laufen lassen, sondern mit mehrmonatigem Puffer verlängern. Eine Verweisung ohne Zeitdruck ist deutlich handhabbarer.
Den AME vollständig informieren. Wer Vorerkrankungen oder Voroperationen verschweigt und das LBA das später herausfindet, riskiert weit gravierendere Konsequenzen als eine geordnete Verweisung.
Drei-Monats-Frist kennen und nutzen. Nach drei Monaten ohne Reaktion besteht die Möglichkeit, schriftlich anzumahnen oder eine Untätigkeitsklage einzureichen. Das erhöht den Druck erheblich.
LAPL als Alternative prüfen. Wer privat VFR fliegt, keine Passagiere gegen Entgelt befördert und unter 2.000 kg MTOW bleibt, kann das LAPL-Medical wählen – das unter bestimmten Bedingungen durch einen Hausarzt ausgestellt werden kann.
Ausflaggen als letzten Ausweg kennen. Austro Control und andere EASA-Mitgliedstaaten wenden dieselben Part-MED-Regeln an – mit signifikant kürzeren Bearbeitungszeiten. Für Piloten, die in langwierige Widerspruchsverfahren geraten, kann ein Lizenztransfer die pragmatischere Lösung sein.
Das LBA-Medical-Drama ist kein neues Thema, und der politische Druck ist inzwischen so hoch wie nie. Ob der Runde Tisch und die strukturellen Maßnahmen zu spürbar kürzeren Wartezeiten führen, wird sich in der zweiten Jahreshälfte 2026 zeigen. Wer jetzt in die Mühlen des Referats L6 gerät, sollte die neuen Kontaktkanäle kennen, die Dreivierteljahrmarke im Kalender haben – und frühzeitig anwaltliche Unterstützung einkalkulieren.
Mehr zum Hintergrund: Medical-Stau beim LBA – was steckt dahinter? · LBA-Theorieprüfung: Was sich ab Juli 2026 ändert · EASA RMT.0678: Wie Europa das PPL vereinfachen will
Quellen: airliners.de: Bundesverkehrsministerium ergreift Maßnahmen nach Kritik an LBA-Flugmedizin (27.11.2025) · aerokurier: LBA-Versagen – Referat L6 und seine Opfer (07.01.2026) · AOPA-Germany: Runder Tisch Flugmedizin (11.02.2026) · LBA: Neuer Telefonservice Referat L6 · aerokurier: Neue Leitung für Referat L6
