Wenn du einen der großen Plätze anfliegst, kann dir ein Lotse die Landefreigabe geben, obwohl das Flugzeug vor dir noch auf der Piste rollt. Das ist kein Versehen, sondern ein Verfahren: Reduced Runway Separation (RRS). Mit der NfL 2026-1-4039 legt die DFS ab dem 1. Oktober 2026 neu fest, wie es an 14 deutschen Verkehrsflughäfen angewendet wird. Das Verfahren selbst ist dabei nicht neu — dazu gleich mehr.
Ein Hinweis vorab (aktualisiert am 30.09.): Die folgenden Angaben stammen aus pilot-hub.com, gegengeprüft mit den Erläuterungen der Vereinigung Cockpit — und inzwischen zusätzlich mit dem Originaltext der Vorgänger-Bekanntmachung NfL 2025-1-3426 (DFS, März 2025): Kategorien, Abstände und Bedingungen decken sich vollständig. Die neue NfL selbst ist weiterhin nur über das DFS-AIS-Portal abrufbar — lies also vor dem Flug selbst in die aktuelle Bekanntmachung, bevor du dich auf einzelne Zahlen verlässt.
Wo gilt das?
An Berlin Brandenburg, Bremen, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Köln/Bonn, Leipzig/Halle, München, Münster/Osnabrück, Nürnberg, Saarbrücken und Stuttgart — derselbe Kreis wie in der Vorgänger-NfL. RRS gilt grundsätzlich am Tag wie in der Nacht; laut Bericht bleibt einzig Bremen auf den Tagbetrieb beschränkt.
Korrektur (30.09.): In der ersten Fassung stand hier, der Nachtbetrieb sei neu. Das stimmt nicht: Schon die Vorgänger-Bekanntmachung NfL 2025-1-3426 (gültig seit April 2025) galt Tag und Nacht, und die Vereinigung Cockpit beschrieb die deutsche RRS-Praxis inklusive Nachtbetrieb bereits 2022. Das Verfahren ist international seit Jahrzehnten etabliert (ICAO Doc 4444, Kapitel 7.11) — neu ist die aktualisierte Bekanntmachung, nicht das Verfahren.
Was genau ändert sich?
Der Lotse darf die Landefreigabe früher erteilen, wenn absehbar ist, dass das Vorderflugzeug die Piste rechtzeitig freigibt. Dafür gelten Mindestabstände beim Überfliegen der Schwelle, abhängig davon, wer vor wem fliegt:
- Folgt ein Flugzeug der Kategorie 1 (einmotorige Propeller bis 2.000 kg, also Cessna 172, Piper PA-28 & Co.) hinter Kategorie 1 oder 2: 600 m
- Folgt ein Flugzeug der Kategorie 2 (Einmots über 2.000 kg sowie Propeller-Twins unter 7.000 kg — auch eine TBM oder PC-12 fällt hierunter) hinter Kategorie 1 oder 2: 1.500 m
- Ist das Vorderflugzeug Kategorie 3 (alle übrigen: Jets und alles ab 7.000 kg): 2.400 m
Das Verfahren greift nur bei mindestens 5 km Sicht, Hauptwolkenuntergrenze mindestens 1.000 ft, höchstens 5 kt Rückenwind und einem Pistenzustandscode von 5 oder 6 — sprich: trocken oder nass, ohne Schnee, Eis, Matsch oder stehendes Wasser. Zwischen einem gestarteten und einem zuvor gelandeten Flugzeug gilt es ausdrücklich nicht. Wirbelschleppenstaffelung bleibt bindend und geht vor, wenn sie mehr Abstand verlangt.
Was bedeutet das für dich im Cockpit?
Für die leichte Einmot mit 600 m Abstand ist das meist unspektakulär, du wirst vor allem seltener in der Warteschleife hängen. Kritisch wird es in der anderen Konstellation: Du fliegst als Kategorie 1 hinter einer Boeing, und der Lotse gibt dir die Landung mit 2.400 m Abstand. Dann rollt vor dir noch ein großes Flugzeug, und dazu kommt die Turbulenz. Wie das zusammenhängt, steht im Artikel zu Wirbelschleppen.
Ein paar Dinge, die ich mir für den Oktober vornehmen würde:
- Verkehrsinformation ernst nehmen. Bei RRS wird dir das Vorderflugzeug genannt. Such es aktiv, bestätige die Sichtung und frag nach, wenn du es nicht siehst.
- Durchstarten bleibt immer erlaubt. Die Landefreigabe verpflichtet dich nie, eine Situation fortzusetzen, die dir unsicher vorkommt. Auch die NfL sagt das sinngemäß.
- Auf den Anflug konzentrieren. Die Vereinigung Cockpit nennt als Risiko, dass die Besatzung im Endanflug zu viel Aufmerksamkeit auf das Suchen des Vorderverkehrs verwendet — nachts kommt die schlechtere Erkennbarkeit des Verkehrs gegen die Bahnbefeuerung dazu. Das gilt für uns genauso.
- Funkdisziplin und Platzrunden-Routine. Wer die Abläufe kennt, verpasst die Anweisung nicht. Zur Auffrischung: Platzrunde erklärt und Kontrollzone durchfliegen.
Ein Stück Skepsis gehört dazu: Die Vereinigung Cockpit monierte schon 2022, dass es keine einheitliche Standardphraseologie für die RRS-Ankündigung gibt — ob die neue NfL daran etwas ändert, ließ sich ohne deren Originaltext nicht prüfen. Wenn dir etwas unklar ist, frag beim Lotsen nach, statt zu raten. Das gilt auch, falls dir bei Funkausfall nur noch die Lichtsignale bleiben, siehe Funkausfall und Squawk 7600.
Quellen
- PILOT-HUB: NfL 2026-1-4039
- Vereinigung Cockpit: Das Verfahren Reduced Runway Separation
- PILOT-HUB: NfL 2026-1-3950
- DFS: NfL 2025-1-3426 – Bekanntmachung über die herabgesetzte Pistenstaffelung (Vorgänger-NfL, PDF)
- Original-NfL 2026-1-4039: DFS AIS-Portal (nicht frei abrufbar)
