Das Anflugbriefing ist einer dieser Punkte, die jeder in der Ausbildung gelernt hat – und die im Alltag gerne auf „ich kenn den Platz ja" reduziert werden. Schlechte Idee. Das BAZL (Schweizer Bundesamt für Zivilluftfahrt) hat ausgewertet, welche Vorfälle im VFR-Anflug immer wieder passieren: Piloten weichen von publizierten Anflugsektoren ab, machen falsche Positionsangaben am Funk, fliegen die falsche Runde (left statt right hand, oder umgekehrt), unterschreiten die Platzrundenhöhe, durchfliegen den aktiven Segelflugsektor – oder sitzen im Final und haben keine Ahnung, wie das Durchstartverfahren aussieht.
Das alles hat eine gemeinsame Wurzel: Die Vorbereitung im Cockpit, kurz bevor es ernst wird, hat gefehlt.
Was das Anflugbriefing leistet
Die eigentliche Flugvorbereitung am Boden passiert Stunden vor dem Flug. Das Wetter kann sich bis zur Ankunft grundlegend ändern, die aktive Piste sowieso. Das Anflugbriefing ist die zweite Vorbereitung – diesmal zeitnah, ohne Stress, bevor die Arbeit im Cockpit anfängt. Mental durchspielen, was gleich kommt.
Der Unterschied zwischen einem Piloten, der den Anflug kennt, und einem, der ihn im Cockpit zum ersten Mal wirklich denkt: Der erste hat Kapazität für Überraschungen. Der zweite ist beschäftigt.
Was rein muss
Das Briefing muss nicht auswendig heruntergebetet werden – aber es muss alle relevanten Punkte abdecken. Eine bewährte Reihenfolge:
ATIS / NOTAM: Aktive Piste, Pistenzustand (Gras, nass, befestigt), Besonderheiten. Wenn ATIS vorhanden, vor dem Anflug abhören.
Wetter und Wind: Bodenwind, Seitenwindkomponente, Sichtweite, Wolkenuntergrenze. Passt die Wetterrealität noch zur Vorbereitung vom Boden?
Flugplatzhöhe und Platzrundenhöhe: Klingt trivial, aber gerade auf Reisen zur fremden Destination: Welche QNH-Einstellung, welche Runde (links oder rechts), welche Höhe AGL?
Anflugroute und Einordnung: Wie komme ich in den Platzverkehr? Einflugsektor aus der AIP-VFR prüfen. Bei unbekannten Plätzen: Overhead-Pattern einplanen.
Sonstiger Betrieb: Segelflug aktiv? Fallschirmsprungbetrieb? Paragliding? Steht in der AIP-VFR oder im NOTAM – aber kurz vor dem Anflug nochmal bewusst machen, nicht nur beim Briefing am Boden.
Gelände und Hindernisse: Was steht zwischen mir und der Bahn? Mindesthöhen, kritische Abschnitte, besonders bei bergigen Regionen oder Nachtflug.
Anfluggeschwindigkeit: Vref kennen, auch bei unbekannten Typen im Vereinsflieger.
Go-Around: Das wird am häufigsten vergessen. Wohin gehe ich beim Durchstarten – Richtung, Höhe, Frequenz? Das Verfahren muss sitzen, bevor man in den Final dreht.
Ausweichflugplatz: Falls der Platz nicht anfliegbar ist – wo geht’s hin, hab ich Sprit?
Kommunikation: Frequenz eingestellt, Squawk gesetzt? Bei RMZ-Plätzen die Anmeldung im Kopf.
Bei unbekannten Plätzen, RMZ und ED-R
Wer einen Platz zum ersten Mal anfliegt, plant mehr Zeit ein. Sichtflugkarte und AIP-VFR-Blatt vorher studieren – nicht erst auf Basis. Bei Plätzen innerhalb einer RMZ ist die Anmeldung vor Einflug Pflicht, Squawk und Frequenz müssen bereitstehen. Aktive ED-R-Gebiete in der Nähe: im Briefing prüfen, ob der Anflugweg hindurchführt oder daran vorbei – NOTAM-Check am Boden reicht, wenn man das Ergebnis danach auch wirklich abruft.
Warum gerade das Go-Around-Verfahren so wichtig ist
In BFU-Berichten taucht immer wieder auf, dass Piloten in Stresssituationen keine klare Handlungsabsicht haben. Ein Durchstarten ist keine Niederlage, es ist das sichere Ergebnis einer schlechten Anflugkonstellation. Wer vorher kurz gedacht hat „wenn ich auf Basis merke, dass der Final nicht passt, steige ich geradeaus auf Platzrundenhöhe und melde mich am Funk" – der hat die Entscheidung schon getroffen, bevor der Stress kommt.
Das Anflugbriefing ist keine Bürokratie. Es ist die letzte ruhige Minute, bevor die Arbeit beginnt.
Weiterführend: Die Platzrunde erklärt · RMZ vs. TMZ · ED-R-Neuordnung 2026 · Notlandung VFR
Quellen: BAZL – Approach Briefing (SWANS-LL-2015-003) · BFU – Publikationen · AOPA Safety Letter Nr. 17 – Flugvorbereitung