Wer eine längere Flugpause hinter sich hat, kennt das: Man gleitet durch den E-Luftraum, schaut raus – und plötzlich ist da ein anderer Flieger. Jetzt bitte die richtige Entscheidung treffen. Die rechtliche Basis steckt in § 13 LuftVO in Verbindung mit SERA.3210, und im Kern ist das Ganze überschaubarer, als es im Prüfungsstoff aussieht. Trotzdem lohnt sich ein ehrlicher Durchgang – denn an den spannenden Stellen wird’s praxisnah.
Die drei klassischen Szenarien
Gegenflug. Zwei Luftfahrzeuge nähern sich frontal an? Beide weichen nach rechts aus. Symmetrische Regel – auch der andere wird nach rechts ziehen, wenn er aufmerksam ist. Nicht nur zehn Grad anstupsen, sondern deutlich Kurs ändern, damit der andere den Ausweichwillen erkennen kann.
Kreuzverkehr. Die Flugwege kreuzen sich in ungefähr gleicher Höhe? Rechts vor links – wer von links kommt, weicht aus. Exakt wie an der Straßenkreuzung ohne Schild. Und wie dort gilt: im Zweifel Augenkontakt suchen, aber nicht darauf hoffen, dass der andere die Regel beherrscht.
Überholen. Alles, was in einem Bereich von 70° hinter dem Querabstand einholt, gilt als Überholer. Das überholende Luftfahrzeug weicht nach rechts aus – auch wenn es gleichzeitig steigt oder sinkt. Der Seitenabstand muss ausreichend sein, damit keine Beeinflussung durch Wirbelschleppen oder Aufmerksamkeitsentzug entsteht.
Rangfolge: Wer am wenigsten manövrieren kann, hat Vorrang
Die Rangfolge der Luftfahrzeugarten ist einer der am häufigsten unterschätzten Punkte. Von oben nach unten:
- Ballon
- Hängegleiter und Paragleiter
- Segelflugzeug (Motorsegler mit stehendem Motor zählen dazu!)
- Luftschiff
- Motorgetriebenes Luftfahrzeug
Logik dahinter: Je weniger Manövrier- und Sichtmöglichkeit, desto mehr Vorrang. Ein PPL-Flieger weicht also grundsätzlich dem Segler aus, erst recht dem Ballon.
Eine oft vergessene Sonderregel gilt für Schleppverbände: Motorflugzeuge müssen der Kombination aus Schlepper und Geschlepptem ausweichen, nicht umgekehrt. Das heißt konkret: Kommt dir am Segelflugplatz ein F-Schlepp entgegen, bist du dran – auch wenn der Schlepper selbst ein Motorflugzeug ist.
Der Endanflug – die unterschätzte Vorflugregel
In der Platzrunde gibt es kein generelles Vorflugrecht für den, der früher eingeflogen ist. Aber wer im Endanflug steht – vor der Schwelle, Klappen raus, Anflugprofil stabil – hat Vorrang vor allen, die noch im Gegen-, Quer- oder Basisteil fliegen. Und ein bereits landendes Luftfahrzeug hat immer Vorrang. Das ist Airmanship-Basiswissen: Wer tief und langsam ist, kann nicht mehr beliebig ausweichen, also räumt der höher Fliegende den Platz.
VFR/IFR-Mischverkehr: Sehen und gesehen werden
Im E-Luftraum trifft man immer häufiger auf IFR-Verkehr – Business Jets im Steigflug, Airliner im Absinkprofil. Die DFS warnt seit Jahren vor steigenden Konfliktzahlen. Rechtlich gilt die normale Rangfolge, praktisch gilt: Nicht auf Vorflugrecht beharren. Ein Verkehrsflugzeug im Anflug ist schwerfällig, hat eine schmale Sichtkeule nach vorn und gehört meistens zu einer Besatzung, die dich schlichtweg nicht sieht. „See and avoid" ist dort kein hübsches Prinzip, sondern die Lebensversicherung. Im Zweifel früh auf FIS rufen und Verkehr ansagen lassen.
Drei Alltagsszenarien
- Platzrunde in Heimatplatz, du im Queranflug, ein anderer meldet 5 NM im Anflug ohne Positionsmeldung zur Platzrunde. Dein Queranflug ist kürzer, aber er hat keinen Anspruch auf Vorrang – du darfst deine Runde zu Ende fliegen, solltest aber hörbar funken und ggf. vorausschauend verzögern.
- Du VFR auf 4.500 ft, ein Segler kreuzt in gleicher Höhe von links. Klar: Du weichst aus, auch wenn die Kreuzverkehrsregel formal schon „rechts vor links" bedeutet – die Rangfolge der Luftfahrzeuge schlägt sie ohnehin.
- Du wirst im Reiseflug von einem schnelleren Flieger eingeholt. Er muss ausweichen – aber du hältst besser Kurs und Höhe, bis er klar ist. Keine abrupten Manöver.
Kurz: Die Regeln sind einfach, die Praxis ist es nicht. Wer die vier Kernsituationen (Gegenflug, Kreuzverkehr, Überholen, Landeanflug) sicher im Kopf hat und die Rangfolge respektiert, hat 90 % der Konflikte entschärft, bevor sie entstehen. Die restlichen 10 % sind Airmanship – und da hilft kein Paragraph, nur Augen auf.
