Wer sich vor dem Abflug das Wetter anschaut, landet früher oder später beim GAFOR. Die bunte Deutschland-Karte mit den 84 nummerierten Gebieten sieht auf den ersten Blick simpel aus: grün heißt gut, rot heißt Nein. So einfach ist es leider nicht – und genau dieser Kurzschluss sorgt dafür, dass manche Piloten den GAFOR falsch nutzen. Entweder als Freibrief bei Grün, oder als automatisches Flugverbot bei Orange.

Was der GAFOR eigentlich ist

GAFOR steht für General Aviation Forecast – auf Deutsch: allgemeine Luftfahrtprognose. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) gibt diese Vorhersage für 84 Gebiete aus, die über ganz Deutschland verteilt sind und in fünf regionale Bereiche (Nord, West, Mitte, Ost, Süd) eingeteilt werden. Neue GAFOR-Ausgaben erscheinen tagsüber im Dreistundenrhythmus und gelten jeweils für die folgenden sechs Stunden, aufgeteilt in drei zweistündige Perioden – aus der Abfolge der drei Einstufungen liest man den Trend. Während der Sommerzeit startet die erste Ausgabe des Tages entsprechend früher.

Was der GAFOR bewertet: horizontale Bodensicht in Kilometern und die tiefste Wolkenuntergrenze mit einem Bedeckungsgrad von mindestens 4/8. Die jeweils schlechtere Bedingung bestimmt die Einstufung.

Was der GAFOR nicht ist: keine Stationsbeobachtung, kein METAR, kein Ersatz für den Flugwetterbericht. Er ist eine Prognose auf Gebietsebene – und dazu gleich mehr.

Die fünf Stufen im Überblick

Die Stufen heißen CHARLIE, OSCAR, DELTA, MIKE und X-RAY – Buchstabiercodes für C, O, D, M und X. Das erleichtert die Sprachübertragung im Funk, ist aber für viele Einsteiger erstmal verwirrend. Die offiziellen Grenzwerte des DWD:

StufeCodeBodensichtBasis über BezugshöheBedeutung
CHARLIEC≥ 10 km und≥ 5000 ftFrei
OSCARO≥ 8 km und≥ 2000 ftOffen
DELTAD5 bis < 8 km und/oder1000 bis < 2000 ftSchwierig
MIKEM1,5 bis < 5 km und/oder500 bis < 1000 ftKritisch
X-RAYX< 1,5 km und/oder< 500 ftGeschlossen

Wichtig ist das Kleingedruckte: CHARLIE und OSCAR verlangen, dass beide Bedingungen erfüllt sind. Bei DELTA, MIKE und X-RAY reicht dagegen schon eine der beiden Bedingungen für die Einstufung – die schlechtere gewinnt immer. Und bei X-RAY sagt der DWD unmissverständlich: Flüge nach Sichtflugregeln sind (im überwiegenden Teil des Gebiets) nicht möglich.

Bei DELTA und MIKE hängt noch eine Ziffer von 1 bis 8 dran, die zeigt, welche Kombination aus Sicht und Wolkenuntergrenze konkret erwartet wird. D1 etwa heißt: Sicht ≥ 8 km, aber Basis 1000 bis < 2000 ft – das Problem ist also die Wolkendecke, nicht die Sicht. D4 steht für die Kombination aus beidem (Sicht 5–8 km und Basis 1000–2000 ft), M5 für Sicht 5–8 km bei Basis 500–1000 ft. Die vollständige Matrix steht auf jeder GAFOR-Übersichtskarte. Für den praktischen Gebrauch reicht zunächst: alles ab DELTA bedeutet, dass du dir das Wetter sehr genau anschauen solltest, bevor du startest.

Die Bezugshöhe – der Punkt, den viele übersehen

Die Wolkenuntergrenzen im GAFOR gelten nicht über deinem Flugplatz und nicht über MSL, sondern über einer für jedes Gebiet festgelegten Bezugshöhe. Die orientiert sich am Gelände des Gebiets und steht auf der GAFOR-Karte – für das Rhein-Main-Gebiet (Gebiet 45) sind das zum Beispiel 700 ft MSL, für den Schwarzwald (Gebiet 61) satte 4000 ft MSL.

Warum das sicherheitsrelevant ist: Ein OSCAR im Schwarzwald bedeutet eine Wolkenbasis von mindestens 2000 ft über 4000 ft MSL – also mindestens 6000 ft MSL. Dasselbe OSCAR in Ostfriesland (Bezugshöhe 100 ft) kann eine Basis ab etwa 2100 ft MSL bedeuten. Wer die GAFOR-Stufe auf seine Flughöhe umrechnen will, addiert den unteren Grenzwert der Stufe zur Bezugshöhe des Gebiets. Und: Einzelne Erhebungen können über der Bezugshöhe liegen – ein Gipfel in Wolken macht das Gebiet noch nicht „geschlossen". Diese Geländeteile sind auf den GAFOR-Formblättern rot markiert.

Der häufigste Irrtum

X-RAY im Gebiet heißt nicht automatisch: du darfst heute nicht fliegen. Es heißt: im größten Teil dieses Gebiets sind die VFR-Mindestbedingungen nicht erfüllt. Kleinräumige oder zeitlich begrenzte Abweichungen sind aber ausdrücklich möglich. Der DWD erklärt das im AIP VFR so: Ein Gebiet gilt als „geschlossen", wenn die schlechten Bedingungen vorherrschend sind – theoretisch also in 51 Prozent der Fläche. Die restlichen 49 Prozent könnten bestes Wetter haben.

Das bedeutet: Ein GAFOR-Gebiet ist immer ein statistisches Mittel über eine ziemlich große Fläche. Du musst selbst einschätzen, wo du fliegst und was das Wetter dort konkret macht. Satellitenbilder, METAR der Plätze entlang der Strecke und der Flugwetterbericht des DWD gehören zwingend dazu.

Umgekehrt gilt: Auch CHARLIE ist kein Freifahrtschein. Vereinzelte Gewitter, Turbulenzen in Bodennähe oder lokale Sichtprobleme in Staulagen können trotzdem auftreten – der GAFOR sagt darüber nichts.

Wie man GAFOR sinnvoll einsetzt

Für die Platzrunde an einem Heimatplatz reicht ein kurzer GAFOR-Blick als erster Orientierungspunkt. Für jeden Streckenflug gilt aber: Der GAFOR ist der Anfang, nicht das Ende der Wetterplanung.

Mein praktischer Workflow: GAFOR gibt die grobe Richtung vor. Dann kommen METAR und TAF für konkrete Plätze entlang der Route, dazu der Flugwetterbericht des DWD und – bei kritischeren Bedingungen – Satellitenbilder und Regenradar. Abgeglichen wird das alles mit den eigenen VFR-Wetterminima: Was darf ich nach meiner Lizenz, was darf mein Luftfahrzeug, was traue ich mir zu? Diese drei Ebenen müssen zusammenpassen – nicht nur der GAFOR.

Der GAFOR ist im DWD-Selbstbriefing-Portal flugwetter.de abrufbar (die GAFOR-Vorhersage gehört dort zum kostenlosen Teil), außerdem auf den Luftsportberichte-Seiten des DWD und in den meisten Navigations-Apps direkt in der Moving Map.

Ein Tipp am Rande: Wer regelmäßig schaut, wie der GAFOR-Stand vor dem Flug war und was man dann tatsächlich angetroffen hat, entwickelt schnell ein gutes Gefühl dafür, wie verlässlich die Vorhersage für die eigene Heimatregion ist – und wann man lieber nochmal beim DWD anruft.


Weiterführende Artikel:

Quellen: DWD: GAFOR – Wettervorhersage für den Sichtflug (Broschüre) · DWD Luftfahrt – Luftsportberichte/GAFOR · Fliegermagazin: GAFOR lesen · Fliegermagazin: Irrtümer bei der GAFOR-Interpretation