Die Halbkreisflughöhenregel ist einer dieser Sätze im Luftrecht, die man einmal richtig kapiert haben muss – und dann wirklich kapiert haben muss. Hier kommt die praxistaugliche Version.

Die Grundregel

Das Prinzip steckt in SERA.5005 (Standardised European Rules of the Air) und gilt für VFR-Reiseflüge ab 900 Meter (ca. 3.000 ft) über Grund. Je nachdem, in welche Himmelsrichtung du fliegst, bist du an eine bestimmte Staffel gebunden:

Missweisendem Kurs 000° bis 179°:
Ungerade Tausender plus 500 Fuß – also 3.500 ft, 5.500 ft, 7.500 ft, 9.500 ft.

Missweisendem Kurs 180° bis 359°:
Gerade Tausender plus 500 Fuß – also 4.500 ft, 6.500 ft, 8.500 ft.

Das „Plus 500" trennt VFR von IFR: IFR-Verkehr fliegt östlich auf 3.000 ft, 5.000 ft usw. – VFR sitzt 500 ft drüber. So hat jeder seinen eigenen vertikalen Streifen, ohne dass sich die Gruppen begegnen.

Magnetkurs – nicht Kurs über Grund vom GPS

Die Regel bezieht sich auf den Magnetkurs (MK), also den geographischen Kurs, der mit dem Kompass abgeglichen ist. In der Praxis zeigt ein GPS den Kurs über Grund – das ist der tatsächlich zurückgelegte Weg relativ zur Erdoberfläche. Ohne Seitenwind sind Magnetkurs und Kurs über Grund annähernd identisch. Bei stärkerem Kreuzwind kann der Kurs über Grund aber merklich vom Steuerkurs abweichen, und dann gilt: Für die Halbkreisregel zählt der Magnetkurs, den du navigierst – nicht der aufgelöste GPS-Track.

In Deutschland beträgt die Missweisung aktuell etwa 2–3° Ost, was den Unterschied zwischen wahrem Kurs und Magnetkurs gering hält. In der Prüfung wird trotzdem gern gefragt.

Flugflächen: Was ab FL 60 gilt

Unterhalb der Übergangshöhe (in Deutschland in der Regel 5.000 ft MSL) fliegt man mit QNH-Höhe. Oberhalb der Übergangsfläche (Standard in Deutschland: FL 60) wird auf Flugflächen (QNE) gewechselt. Zwischen 5.000 ft und FL 60 liegt die Übergangsschicht – dort sollte man nicht dauerhaft kreuzen.

Das heißt für VFR: 5.500 ft als Ostrichtungs-Höhe ist rechnerisch korrekt, liegt aber typischerweise mitten in der Übergangsschicht und wird deshalb im Alltag kaum genutzt. Die nächsten sinnvollen Slots sind:

RichtungHöhe (unter Übergangshöhe)Flugfläche (über FL 60)
Ost (000°–179°)3.500 ftFL 75, FL 95, FL 115
West (180°–359°)4.500 ftFL 65, FL 85, FL 105

Warum kein FL 55 für Ost? FL 55 entspricht 5.500 ft Standarddruckhöhe und liegt in der Übergangsschicht. Unterhalb von FL 60 wird mit QNH geflogen, nicht mit FL. Der erste nutzbare östliche Slot im FL-Bereich ist deshalb FL 75.

Wann gilt die Regel nicht?

In kontrolliertem Luftraum (Klassen C und D) übernimmt die Flugsicherung die Höhenzuweisung. Wer eine ATC-Freigabe hat, fliegt die zugewiesene Höhe – die Halbkreisregel tritt in den Hintergrund.

Im unkontrollierten Luftraum E ist sie verbindlich, auch wenn niemand zuschaut. Und genau dort fliegen die meisten GA-Piloten auf Überlandstrecken.

Unterhalb von 900 m (ca. 3.000 ft) über Grund greift die Regel formal nicht – kurze Platzrundenflüge fallen also raus. Trotzdem schadet es nicht, sich auch dort ans Muster zu gewöhnen.

Die Faustregel, die hängen bleibt

Ost ist ungerade. Richtung Osten (000°–179°) → ungerade Tausender plus 500 (3.500, 5.500 …). Alles andere ergibt sich daraus.

Im Alltag: Kurs grob abschätzen (unter 180° oder über 180°?), passende Höhe oder Flugfläche aus der Tabelle wählen, einhalten.


Weiterführend:
Luftraumklassen A bis G in Deutschland – wo die Halbkreisregel gilt und wo ATC übernimmt
Ausweichregeln nach § 13 LuftVO – was tun, wenn einem jemand entgegenkommt

Quellen: