Es ist kurz nach vier, die Sonne steht schon tief, und du bist noch eine Runde länger geblieben, als du wolltest. Der Platz hat keine Anflugbefeuerung, hinter der Schwelle liegt ein Dorf, davor ein dunkles Feld. Die Bahn sieht gut aus. Der Anflug fühlt sich gut an. Und genau das ist das Problem.

Nach der Zeitumstellung landen viele VFR-Piloten zum ersten Mal seit dem Sommer wieder in der Dämmerung. Die Augen sind das nicht mehr gewohnt, und das Gehirn liefert dir Bilder, die plausibel aussehen und trotzdem falsch sind.

Der Black-Hole-Effekt

Beim Black-Hole-Anflug fliegst du auf eine beleuchtete Bahn zu, aber zwischen dir und der Bahn gibt es keine Lichter, die dir Entfernung und Höhe verraten. Kein beleuchtetes Gelände, kein Horizont, nur ein dunkles „Loch" vor der Schwelle. Das Gehirn sucht nach Bezugspunkten und findet sie nur an der Bahn selbst.

Die typische Folge: Du fliegst zu flach. Wer die Bahn als „zu weit weg" und „zu hoch" wahrnimmt, korrigiert nach unten, und zwar oft schon weit vor dem Platz. Das gefährliche daran ist, dass sich der Anflug dabei völlig normal anfühlt. Die Täuschung bemerkst du erst, wenn Hindernisse im Endanflug plötzlich ein Thema werden.

Weitere Täuschungen am Abend

Eine ansteigende Bahn (Hang) lässt dich höher wähnen, als du bist, bei einer abfallenden Bahn ist es umgekehrt. Eine sehr schmale oder sehr lange Bahn verschiebt deine Höhenwahrnehmung, eine breite oder kurze Bahn ebenfalls. Dazu kommt, dass im schwindenden Licht Kontraste verschwinden: Entfernungen und Höhen schätzt du schlechter, Hindernisse siehst du später. Auf Plätzen mit ungewohnter Bahngeometrie wiegt das doppelt.

Was dagegen hilft

Verlass dich nicht auf dein Bauchgefühl, sondern auf Instrumente und Hilfen:

  • PAPI/VASI nutzen, wenn der Platz eines hat. Es ist dein unabhängiger Höhenmesser. Wenn es keines gibt, fliegst du den Gleitwinkel nach Höhenmesser und Abstand zur Schwelle.
  • Ein Profil mitfliegen: Höhe über Platz in der Platzrunde, Eindrehen in den Endanflug in der gewohnten Höhe, danach konstante Sinkrate. Mehr dazu im Anflugbriefing.
  • Nicht früh absinken: Die Platzrunde (Platzrunde erklärt) fliegst du in der Platzrundenhöhe, nicht darunter.
  • Stabilisiert oder durchstarten: Passt der Anflug nicht, ist das Durchstarten die richtige Antwort, nicht die Korrektur im letzten Moment.
  • Mit Reserve planen: Lande nicht auf den letzten Drücker vor Sonnenuntergang. Wie du Zeiten und UTC sauber planst, steht in der Winterzeit-Planung.

VFR bei Dämmerung ist kein Nachtflug

Zur Abgrenzung: Solange du die VFR-Regeln für den Tag einhältst, brauchst du keine Nachtflugberechtigung. Wer bewusst nach Sonnenuntergang fliegen will, findet die Voraussetzungen im Artikel zur Nacht-VFR-Berechtigung. Die Täuschungen sind aber dieselben, ob du sie nun bewusst in Kauf nimmst oder nicht, und sie treffen auch erfahrene Piloten.

Und noch eine persönliche Anmerkung: Trag die Dämmerung als Faktor in deine persönlichen Minima ein. Wer vor dem Flug festlegt, „Landung spätestens X Minuten vor Sonnenuntergang", muss im Flug nichts mehr diskutieren.

Hinweis zur Quellenlage

Der Artikel beruht auf dem allgemein anerkannten Wissen aus der Human-Factors-Literatur. SKYbrary, FAA und AOPA Air Safety Institute behandeln das Thema ausführlich. Ihre Inhalte waren beim Schreiben nicht abrufbar, deshalb nenne ich bewusst keine konkreten Zahlen (Winkel, Zeiten). Maßgeblich bleiben die Angaben im Flughandbuch deines Musters und die Platzinformationen im AIP.

Quellen: SKYbrary: Visual Illusions · FAA: Spatial Disorientation (SpatialD.pdf) · AOPA Air Safety Institute