Es gibt einen Satz, den Fluglehrer gern sagen: „Wer MAYDAY ruft, hat noch keine Rechnungen bekommen." Gemeint ist: Ein Notruf kostet nichts, ein falscher Alarm hat noch niemanden in ernsthaften Schwierigkeiten gebracht – aber zu langes Zögern schon.
Trotzdem ist die Hemmschwelle real. Viele Piloten zögern im Ernstfall, weil sie sich nicht sicher sind, ob die Situation „schlimm genug" für einen Notruf ist – oder weil sie PAN-PAN und MAYDAY in der Aufregung verwechseln. Dabei ist die Logik dahinter einfach.
Die Grundregel: Distress vs. Urgency
MAYDAY (aus dem Französischen m’aider – mir helfen) signalisiert Distress: eine ernste und unmittelbar drohende Gefahr, die sofortige Hilfe erfordert. Triebwerksausfall ohne Restart-Option, Feuer an Bord, ein Pilot mit Herzinfarkt, Vereisung außer Kontrolle, Strukturversagen – das sind MAYDAY-Situationen. Du brauchst jetzt Hilfe, nicht in fünf Minuten.
PAN-PAN (aus dem Französischen panne – Panne) signalisiert Urgency: die Situation ist ernst und dringend, aber noch nicht unmittelbar lebensbedrohend. Kraftstoff knapper als geplant aber noch ausreichend Reserve, technisches Problem aber noch fliegbar, ein erkrankter Passagier, Orientierungsverlust, Icing der sich noch beherrschen lässt. Du willst priorisierte Hilfe – aber du hast noch einen Moment Zeit.
Eine gute Faustregel: Wenn du die Situation in einer Stunde souverän in der Kneipe erzählen könntest, war es PAN-PAN. Wenn du dir gerade nicht sicher bist, ob du diese Stunde erlebst – MAYDAY.
Wie die Meldung aufgebaut ist
Beide Notrufe starten mit dreimaliger Wiederholung des Signals:
MAYDAY MAYDAY MAYDAY (oder PAN-PAN PAN-PAN PAN-PAN)
Dann folgt die Meldung in einer festen Struktur, die sich an ICAO Annex 10 orientiert:
- Rufzeichen der angerufenen Stelle (falls bekannt)
- Eigenes Rufzeichen
- Art des Notfalls
- Position (Ort, Entfernung und Richtung von einem VOR, Platz oder Fix)
- Flughöhe
- Kurs und Geschwindigkeit
- Beabsichtigte Maßnahme
- Weitere nützliche Angaben (Personen an Bord, Kraftstoffendurance, besondere Umstände)
MAYDAY-Musterfunkspruch:
MAYDAY MAYDAY MAYDAY, München Information, D-EFGH, Triebwerksausfall, befinde mich 20 Kilometer nördlich Augsburg, 2000 Fuß, Kurs 090, beabsichtige Außenlandung, zwei Personen an Bord
PAN-PAN-Musterfunkspruch:
PAN-PAN PAN-PAN PAN-PAN, Langen Information, D-EFGH, Kraftstoff kritisch, weniger als 30 Minuten Endurance, befinde mich 15 Kilometer westlich Landsberg, 3000 Fuß, benötige unverzügliche Freigabe zum nächsten geeigneten Platz
Keine Angst vor Fehlern in der Struktur: Wenn der erste Satz klar macht, dass du eine Notlage hast, wird Lotse oder Lotsin alles Weitere herausfiltern und nachfragen. Vollständigkeit beim Erstaufruf ist gut – aber kein Selbstzweck, wenn die Zeit drängt.
Frequenz und Transponder
Die internationale Notfrequenz ist 121,5 MHz. Sie wird von FIS-Stellen, Militär und Seenotrettung permanent überwacht. Du kannst den Notruf aber auch auf der Frequenz absetzen, auf der du gerade arbeitest – das ist oft schneller, weil du den Draht bereits hast.
Setze gleichzeitig den Transponder auf Squawk 7700. Damit erscheinst du auf allen Radarschirmen als Notfall gekennzeichnet und wirst auch dann wahrgenommen, wenn du auf Funkstille bist oder keine Verbindung aufbauen konntest. Bei PAN-PAN ist 7700 nicht zwingend vorgeschrieben, aber empfehlenswert – es kostet nichts und schafft sofort Aufmerksamkeit. Mehr zu Transpondercodes und was sie bedeuten: Squawk-Codes erklärt.
Die drei häufigsten Denkfehler
1. „Zu spät, zu leise, zu höflich." Das ist die Zusammenfassung aus Dutzenden BFU-Unfallberichten. Piloten warten, bis die Situation eskaliert ist. Dann rufen sie vorsichtig und mit normaler Stimmlage, als würde es der Lotse sie übel nehmen, wenn sie laut sprechen. Und dann entschuldigen sie sich für die Störung. Alles falsch: Früh rufen, klar und laut sprechen, keine Entschuldigung.
2. Angst vor dem falschen Alarm. Ein Notruf, der sich als überflüssig herausstellt, ist in der Luftfahrt kein Problem. Die Leitstelle freut sich. Du wirst nicht bestraft, nicht ermahnt, nicht in Rechnung gestellt. Maximal bekommst du eine kurze Nachfrage. Ein Pilot, der wegen dieser Angst zu spät ruft, ist dagegen ein echtes Risiko.
3. PAN-PAN sagen, wenn MAYDAY gemeint ist. Manchmal ist die Hemmung zu groß, das „härtere" Signal zu verwenden – obwohl die Situation es erfordert. Wenn du nicht sicher bist, ob MAYDAY oder PAN-PAN: Im Zweifelsfall MAYDAY. Du kannst jederzeit downgraden – mit dem Satz „[Rufzeichen] cancels MAYDAY, situation resolved" ist der Notruf aufgehoben.
Was danach passiert
Nach einem MAYDAY übernimmt die Flugsicherung den Notbetrieb: andere Verkehre werden weggeschickt, du bekommst direkte Anweisungen, Rettungsdienste werden alarmiert. Du musst nicht alles selbst managen – deine Aufgabe ist, das Flugzeug zu fliegen und auf Fragen zu antworten.
Wer die Notlandetechnik selbst nochmal auffrischen möchte: Notlandung – was im Ernstfall wirklich zählt.
Quellen: ICAO Annex 10, Vol. II (Distress and Urgency) · SKYbrary: Distress and Urgency · DFS VFR-Informationen · AOPA Emergency Procedures Guide
