Triebwerksausfall, 700 Fuß über Grund, irgendwo zwischen zwei Dörfern. In diesem Moment bleiben oft nur um die 70 Sekunden bis zum Aufsetzen – so viel Zeit hatte auch der Pilot einer Robin DR 400, die im Juli 2022 bei Marzling notlanden musste. Er fand ein Feld, setzte auf, das Flugzeug drehte sich beim Aufsetzen um die Hochachse, eine Passagierin wurde schwer verletzt. Den ganzen Fall haben wir bereits in unserer Analyse der BFU-Abschlussberichte vom Juni 2026 aufgearbeitet. Hier geht es um die eine Frage, die dahinter steht: Woran erkennt man überhaupt, welches Feld taugt?
Was die klassischen Kriterien nicht abdecken
Größe, Windrichtung, Hindernisse, Neigung – das steht in jedem Lehrbuch, auch im amerikanischen FAA Airplane Flying Handbook, das viele deutsche Ausbildungsunterlagen prägt. Was dort auffällig knapp behandelt wird: die Art des Bewuchses und der Zustand des Bodens darunter. Genau das war bei Marzling der Unterschied. Direkt neben dem gewählten Feld – einer Feuchtwiese mit hohem Gras – lag ein besser geeignetes: niedrigerer Bewuchs, festerer Untergrund. Die BFU stellt das in ihrem Bericht als eigene Sicherheitsinformation voran, nicht als Randnotiz.
Was Segelflieger seit Jahrzehnten wissen
Für Segelflugpiloten ist diese Lektion nichts Neues. Die BFU-Flugsicherheitsinformation V175 zu Außenlandungen liefert Zahlen, die aufhorchen lassen: In einem Jahr mit unterdurchschnittlich vielen Unfällen insgesamt entfielen fast 50 Prozent aller Segelflugunfälle auf Außenlandungen – im mehrjährigen Mittel sind es rund 25 Prozent. Der häufigste Unfallmechanismus heißt im Fliegerjargon „Ringelpiez": eine ungewollte Drehung um die Hochachse, meist durch frühzeitige Bodenberührung einer Tragfläche – ausgelöst durch Unebenheiten oder einseitig hohen Bewuchs. Klingt vertraut? Genau das passierte auch der DR 400 bei Marzling, nur mit Rumpf statt Tragfläche.
Besonders lehrreich ist der Kontrast, den die BFU zwischen Feldtypen zieht. Getreide- und Maisfelder beschädigen bei einer Landung meist das Flugzeug erheblich – die Insassen kommen dagegen oft glimpflich davon. Bei Rapsfeldern ist es umgekehrt: Der dickichtartige Bewuchs bremst abrupt ab, das Flugzeug bleibt vergleichsweise unbeschädigt, aber die Piloten erleiden häufig schwere Verletzungen an Brust-, Rücken- und Lendenwirbeln. Tückisch dabei: Gefährlich ist Raps nicht zur Blütezeit, wenn die Felder unverkennbar grellgelb leuchten, sondern im Reifestadium, wenn er sich braungrau färbt und aus der Luft leicht mit einem harmlosen Getreidefeld verwechselt wird.
Zwei Merksätze, die sich einprägen lassen
Aus diesen Erfahrungswerten lassen sich zwei einfache Regeln ableiten: Bestellte Felder mit niedrigem Bewuchs eignen sich fast immer. Hoher Bewuchs ist praktisch immer kritisch – egal ob er weich aussieht wie Gras oder dicht wie Raps. Dazu kommt eine dritte, weniger offensichtliche Gefahr: Unter dichtem Bewuchs versteckt sich oft Feuchtigkeit oder stehendes Wasser, wie die Feuchtwiese bei Marzling zeigt. Von oben sieht saftiges Grün einladend aus – am Boden ist es genau das nicht.
In 70 Sekunden zählt Training, nicht Analyse
Segelflieger trainieren Ziellandungen gezielt unter verschiedenen Windbedingungen, teils sogar mit ausgefahrenem, stillgelegtem Triebwerk. Motorflieger tun das selten, weil der Normalfall ja der Motor ist, der läuft. Genau deshalb lohnt es sich, die Feldauswahl schon am Boden mental durchzuspielen – nicht erst im Sinkflug. Wer beim Streckenflug ohnehin gelegentlich einen Blick unter sich wirft und Felder nach Bewuchs statt nur nach Farbe kategorisiert, gewinnt im Ernstfall wertvolle Sekunden. Wie die Feldauswahl systematisch abläuft, von der Platzrunde bis zum Aufsetzen mit ausgefahrenem Fahrwerk, steht in unserem Leitfaden Notlandung unter VFR: Verfahren und Entscheidungshilfen – ein Blick, der in die reguläre Flugvorbereitung gehört, lange bevor der Motor je ausfällt.
Quellen: BFU – Flugsicherheitsinformation V175 „Außenlandungen – Unfallschwerpunkt Nr. 1 im Segelflug" (Februar 2011); BFU – Untersuchungsbericht BFU22-0663-3X, Robin DR 400/140B, Marzling (gezeichnet Braunschweig, 15.05.2026); FAA Airplane Flying Handbook, Kapitel Emergency Approach and Landing.
