Wenn man an Vergaservereisung denkt, hat man Frost und Wolken im Kopf. Das ist der Grund, warum sie so viele überrascht: Sie braucht weder das eine noch das andere. Ein feuchter, milder Tag mit klarem Himmel reicht, und der Motor fängt im Reiseflug an zu stottern.
Wie der Vergaser Eis baut
Im Vergaser passieren zwei Dinge gleichzeitig, die beide kühlen: Die Luft expandiert in der Verengung des Venturirohrs, und der eingespritzte Kraftstoff verdunstet und entzieht der Luft Wärme. Zusammen kann die Temperatur im Vergaser deutlich unter die Außentemperatur fallen. Die Angaben dazu schwanken je nach Quelle: Der AOPA Safety Letter spricht von bis zu 20 °C, das fliegermagazin von bis zu 35 °C und mehr. Entscheidend ist ohnehin das Ergebnis: Die Feuchte der Ansaugluft gefriert an der Drosselklappe und den Wänden, der Querschnitt wird enger, der Motor bekommt weniger Gemisch.
Das Wetterfenster ist größer als gedacht
Am wahrscheinlichsten ist Eis laut AOPA bei hoher Luftfeuchte und etwa −5 bis +10 °C. Möglich ist es aber bis etwa +20 °C, das fliegermagazin nennt sogar Fälle bis 38 °C bei nur 50 % Feuchte. Die EASA warnt in ihrem Flugschüler-Heft vor allem vor warmen, klaren Tagen mit hoher Luftfeuchte, kritisch sei etwa ein Taupunkt von 14 °C. Kalte Wintertage sind dagegen eher harmlos, weil Kaltluft wenig Wasser trägt.
Für uns heißt das: Der Frühherbst mit Morgennebel, feuchter Luft und milden Temperaturen ist die zweite Hochphase neben dem Frühjahr. Also genau jetzt. Und Wolken braucht es nicht, die Feuchte kommt aus der Luft selbst.
Woran man es merkt
Der Motor läuft zuerst rauer. Beim Festpropeller sinkt dann die Drehzahl, ohne dass du am Gas gedreht hast. Beim Verstellpropeller hält der Regler die Drehzahl, stattdessen fällt der Ladedruck. Wenn du nichts tust, wird es schlimmer bis zum Stillstand.
Richtig reagieren
Beim ersten Anzeichen: Vorwärmung voll auf „warm". Danach wird es zunächst schlimmer, weil die warme Luft dünner ist und das Gemisch fetter wird, und der Motor läuft eventuell noch rauer, während das Eis schmilzt. Das ist normal. Leistung unverändert lassen, bis der Motor wieder sauber läuft, das kann mehrere Minuten dauern. Danach Vorwärmung wieder zurück.
Im Anflug gilt, was viele Flughandbücher verlangen: Vorwärmung vor dem Gaswegnehmen einschalten, denn bei niedriger Leistung ist die Gefahr am größten. Die EASA rät, im Sinkflug regelmäßig kurz Leistung zu geben und zu prüfen, ob der Motor noch reagiert. Auf der Gegenseite steht: Bei Start und überall, wo du volle Leistung brauchst, bleibt die Vorwärmung aus. Wer die Vorwärmung gesetzt hat und durchstarten muss, schiebt sie mit dem Gas zurück. Details dazu stehen im Handbuch deines Musters, das hat bei der Vorwärmung ausnahmsweise das letzte Wort.
Was hilft vorher
Wasser im Tank sorgt für zusätzlichen Ärger, deshalb gehört die Kraftstoffprobe in jeden Vorflugcheck. Bei Verdacht auf feuchte Luft vor dem Flug kurz im Wetterbriefing auf Temperatur und Taupunkt schauen: Liegen beide nah beieinander, ist Vorsicht angesagt. Und weil die Vorwärmung ihre Wärme aus der Abgasanlage zieht, passt auch der Blick auf den CO-Melder: Dieselbe Anlage, ein anderes Risiko.
Wer einmal erlebt hat, wie die Drehzahl in 500 Fuß über Grund wegsackt, vergisst die Vorwärmung nicht mehr. Besser ist, es nicht erst zu erleben.
Quellen:
- fliegermagazin, Vergaservereisung: Erkennung und Gegenmittel
- AOPA Germany, Safety Letter Nr. 11: Fliegen im Winter
- EASA, Sunny Swift Flight Instructor, Ausgabe 3
