Wenn du mit dem Gedanken spielst, die Nachtflugberechtigung zu machen, dann ist jetzt der Moment, an dem du dich entscheiden musst – nicht im Oktober. Der Grund ist banal und wird trotzdem regelmäßig unterschätzt: Es gibt im Sommer schlicht keine Nacht, in der man sinnvoll ausbilden kann. Ende Juni beginnt die aeronautische Nacht in Norddeutschland deutlich nach 23 Uhr. Bis dahin ist der Platz zu, der Fluglehrer im Bett, und selbst wenn beides nicht so wäre: Fünf Stunden Nachtflug in Blöcken zu je anderthalb Stunden nach Mitternacht sammelt niemand freiwillig. Die NVFR-Ausbildung findet in Deutschland faktisch von Oktober bis März statt. Wer im Oktober anfangen will, muss im September einen Platz in der Flugschule klarmachen.
Wann genau ist eigentlich Schluss?
Das ist der Punkt, an dem es auch für Piloten ohne Nachtflugberechtigung interessant wird. „Nacht" ist nicht Sonnenuntergang. Seit die LuftVO die SERA-Definition übernommen hat, gilt: Nacht ist die Zeit zwischen dem Ende der bürgerlichen Abenddämmerung und dem Beginn der bürgerlichen Morgendämmerung – also wenn die Sonnenmitte 6° unter dem Horizont steht.
Praktisch heißt das: Nach Sunset bleibt dir noch ein Puffer, aber ein kurzer. Im Hochsommer sind es rund 33 Minuten, um die Wintersonnenwende gut 40 – die Dämmerung dauert umso länger, je flacher die Sonne untergeht. Im September und Oktober liegst du dazwischen, und genau in diesen Wochen wird die Falle scharf: Die Tage werden schnell kürzer, der gewohnte Feierabendflug rutscht plötzlich an die Grenze, und die Differenz zwischen „Sonne weg" und „Nacht" ist keine halbe Stunde Reserve, sondern die einzige Reserve. Der DWD veröffentlicht die genauen Zeiten für rund 50 deutsche Plätze – die gehören in die Flugvorbereitung, nicht ins Bauchgefühl. Mehr dazu in unserer VFR-Flugvorbereitung als Checkliste.
Zweiter Faktor, der davon unabhängig ist: die Betriebszeiten deines Platzes. Die Nacht mag rechtlich noch nicht begonnen haben – wenn der Flugleiter um 19:30 Feierabend hat und der Platz keine Nachtflugerlaubnis besitzt, ist trotzdem Schluss. Im Winter kollidieren beide Grenzen regelmäßig.
Was FCL.810 verlangt
Die Nachtflugberechtigung (offiziell Night Flying Qualification, NFQ) ist erfreulich schlank geregelt. Nach FCL.810 brauchst du einen Lehrgang bei einer DTO oder ATO, der innerhalb von sechs Monaten abzuschließen ist und Folgendes umfasst:
- theoretische Ausbildung,
- mindestens 5 Stunden Flugzeit bei Nacht, davon
- mindestens 3 Stunden mit Fluglehrer, darin
- mindestens 1 Stunde Überlandnavigation mit einem Überlandflug von mindestens 50 km (27 NM),
- sowie 5 Alleinstarts und 5 Alleinlandungen bis zum vollständigen Stillstand.
Es gibt keine theoretische und keine praktische Prüfung. Nach Abschluss wird die Berechtigung eingetragen, und sie läuft nicht ab – kein Verlängerungstermin, keine Auffrischung im Zweijahresrhythmus.
Der Unterschied LAPL(A) zu PPL(A) steckt in der Vorbedingung: Verlangt ist die Grundlagenausbildung im Instrumentenflug, wie sie im PPL-Lehrplan ohnehin enthalten ist. PPL-Inhaber haben das also schon. LAPL-Inhaber müssen es vorher nachholen – Flugschulen kalkulieren dafür üblicherweise einen eigenen Block von einigen Stunden zusätzlich ein. Frag das bei der Preisauskunft konkret ab, sonst überrascht dich die Rechnung.
Was danach gilt: Für die Mitnahme von Passagieren bei Nacht reicht die normale 90-Tage-Regel nicht – mindestens ein Start und eine Landung innerhalb der letzten 90 Tage müssen bei Nacht stattgefunden haben. Das ist die Regel, die im Alltag am ehesten zubeißt, weil sie im Sommer praktisch nicht erfüllbar ist.
Was das Flugzeug können muss
Hier scheitert es öfter als an der Lizenz. Zusätzlich zur Tag-VFR-Mindestausrüstung braucht die Maschine unter anderem künstlichen Horizont, Wendezeiger, Kurskreisel und Variometer samt Warneinrichtung für den Kreiselantrieb, dazu Positionslichter, Zusammenstoßwarnlichter, Landescheinwerfer, beleuchtete Instrumente und Kabinenbeleuchtung sowie eine Handlampe für jedes Besatzungsmitglied. Viele Vereinsmaschinen erfüllen das – aber eben nicht alle, und nicht jede, die es auf dem Papier tut, hat eine funktionierende Instrumentenbeleuchtung. Vor der Buchung des Lehrgangs klären, mit welchem Flugzeug du überhaupt fliegen sollst.
Am Platz kommt die Befeuerung dazu. Ein Anflug auf eine Bahn mit PAPI ist eine andere Übung als der Anflug auf eine Bahn ohne optische Gleitweghilfe – bei letzterer bist du auf Höhenmesser, Bahnperspektive und Disziplin angewiesen, und genau da wird die Nacht anspruchsvoll. Wer sich mit der Geometrie der Platzrunde schwertut, merkt das nachts sofort.
Der ehrliche Teil
Nachtflug in Deutschland klingt nach mehr Freiheit, als am Ende übrig bleibt. Die Zahl der Plätze mit Nachtflugerlaubnis ist überschaubar, Öffnungszeiten und Lärmschutzauflagen begrenzen den Rest, und PPR ist bei Nacht eher Regel als Ausnahme. Wer die Berechtigung macht, weil er sich davon Reisefreiheit verspricht, wird enttäuscht: Für den Alltagsnutzen ist der Kurspreis hoch.
Was die Berechtigung dagegen wirklich bringt, ist Reserve. Der Flug, der sich im Herbst verzögert hat, wird von einem Problem zu einer Option. Die fliegerische Erfahrung – Anflug ohne Horizont, Umgang mit Instrumenten als primärer Referenz, Umschalten von außen nach innen – ist die beste Vorbereitung auf den Tag, an dem die Sicht draußen unerwartet verschwindet. Und wer ehrlich mit sich ist: Diese fünf Stunden verändern das Verhältnis zu den VFR-Wetterminima spürbar.
Ein letzter Punkt, der in Werbetexten selten steht: Nachts ist die Außenlandung kein Verfahren mehr, sondern ein Glücksspiel – du siehst das Feld nicht, das du bei Tag ausgesucht hättest. Das verschiebt die Risikorechnung deutlich. Motorüberwachung, Tankmanagement und Streckenwahl entlang beleuchteter Linienführung sind nachts keine Kür. Wie die Notlandung nach Motorausfall bei Tag abläuft, ist die Referenz, an der du misst, was dir nachts fehlt.
Quellen: fliegermagazin – VFR-Nachtflug: besondere rechtliche Hürden · fliegermagazin – VFR-Nachtflugberechtigung: Der Weg zur Lizenz · LuftfahrtWelt – VFR-Nachtflugberechtigung: Ausbildung und Nutzung · aerokurier – Wann beginnt die Nacht? Fliegen in der Dämmerung · Part-FCL (Verordnung (EU) Nr. 1178/2011), FCL.810 und FCL.060; SERA/LuftVO
