Der Tag ist klar, der Himmel blau, die Sicht traumhaft. Und das Flugzeug steht auf dem Vorfeld, als hätte jemand Puderzucker über die Flächen gestreut. Winterwetter ist oft Traum-Flugwetter, aber das Flugzeug ist an solchen Tagen ein anderes als im Sommer. Ein paar Dinge solltest du vor dem ersten Flug in der kalten Jahreszeit parat haben.

Reif ist kein Schönheitsfehler

Die Regel ist einfach und hat keine Grauzone: kein Start mit Reif, Schnee oder Eis auf den kritischen Flächen. Dazu zählen Tragflächen, Ruder, Höhen- und Seitenleitwerk, und auch der Propeller. Die kanadische Luftfahrtbehörde nennt das „Clean Aircraft Concept", und die Begründung gilt überall: Schon eine dünne, raue Schicht stört die Strömung. Der Auftrieb sinkt, der Widerstand steigt, die Überziehgeschwindigkeit wandert nach oben, und Trimmung und Überziehverhalten ändern sich auf eine Art, die sich schwer vorhersagen lässt. Das gilt für den Airliner wie für die kleine Reisemaschine.

Die Enteisungsanlagen großer Flugzeuge helfen dir hier nicht weiter, und in der typischen GA-Maschine hast du sowieso keine. Bordsysteme schützen in der Luft, am Boden räumen sie keine Fläche frei. Reif musst du also vor dem Start loswerden, und zwar vollständig. Dünnen Reif bekommst du mit einem weichen Tuch oder einer Bürste weg, ohne zu kratzen. Wenn die Sonne nicht bald auf die Fläche scheint, hilft ein Hangar-Aufenthalt oder ein warmes Vorfeld. Ein Rest „der verschwindet schon beim Rollen" ist kein Plan. Fühl nach, schau am Flügelende und am Leitwerk nach, nicht nur von der Tür aus.

Kaltstart: Was der Motor will

Bei Frost ist Vorwärmen mehr als Komfort. Faustregel aus der US-Praxis (Plane & Pilot): Wo Wasser gefrieren kann, braucht das Flugzeug Vorwärmung, und die Dauer wächst mit sinkender Temperatur. Ein kalter Start soll nach Angaben von Motorenherstellern, die dort zitiert werden, so viel Verschleiß verursachen wie viele Betriebsstunden im Reiseflug. Ich würde die Zahl nicht als Naturgesetz nehmen, aber die Richtung stimmt: Öl wird zäh, Metalle ziehen sich unterschiedlich zusammen, Toleranzen schrumpfen.

Warmes Öl allein beweist nicht, dass der ganze Motor warm ist. Wärm das Triebwerk als Ganzes, und lass die Kabine nicht aus. Dazu gehören Motorabdeckung, Heißluft vom Heizgerät am Platz oder eine Stromheizung. Offene Flammen gehören nicht in die Nähe von Kraftstoffleckagen, Öl oder Stoffbezügen.

Die Batterie ist der zweite Kandidat. Eine voll geladene Bleibatterie ist robust, eine halb leere kann bei Frost schon einfrieren, und bei Kälte sinkt die nutzbare Kapazität auch bei normaler Spannungsanzeige. Mehrere Startversuche in Folge sind dann ein schlechter Plan. Lade sie vor der Saison auf und halte sie an der Ladeerhaltung.

Vorflugkontrolle bei Frost

Das Programm aus der Flugvorbereitungs-Checkliste gilt unverändert, mit ein paar Winter-Ergänzungen. Kondenswasser im Tank sammelt sich bei Temperaturschwankungen: Sumpf ablassen und genau hinschauen, ob dort Wasser oder gar Eiskristalle schwimmen. Staurohr (Pitot) und Statikbohrungen kontrollieren, denn Reif und Eis sind dort unsichtbar gemein. Kraftstoffentlüftung prüfen. Steuerung durchbewegen, ob nichts hakt. Bremsen und Fahrwerk auf Eis und Schlamm ansehen, und beim Rollen die Bremswirkung früh testen.

Ein Thema für sich ist die Vergaservereisung, die bei kühl-feuchtem Wetter auch deutlich über null Grad zuschlägt. Wie du sie erkennst, steht im Artikel zur Vergaservereisung.

Sicht, Piste, Tageslicht

Winter bringt Dunst, Hochnebel und Inversionen, die sich tagelang halten können. Was beim Spread-Check hilft, steht im Artikel zu Nebel und Hochnebel. Der Platz kann tagsüber glatt, nass oder matschig sein, und die Bremswirkung fällt oft schlechter aus, als der Blick vermuten lässt. Und die Tage sind kurz: Plan den Rückflug mit Reserve vor Sonnenuntergang.

Wer sein Flugzeug für die ganze Saison weglegt, findet im Artikel zur Winterpause die passende Checkliste. Fliegen im Winter ist etwas anderes als Einmotten: ein paar Minuten mehr am Boden, und dafür die schönsten Sichten des Jahres.

Kurz-Checkliste

  • Reif, Schnee, Eis auf Flächen, Leitwerk und Propeller entfernen, nicht nur sichten
  • Vorwärmen, Batterie voll, Öl und Motor als Ganzes warm
  • Tanksumpf, Pitot, Statik, Entlüftung und Steuerung prüfen
  • Bremswirkung beim Rollen testen, Piste ehrlich bewerten
  • Rückflug mit Reserve vor Sonnenuntergang planen

Quellen: The Wise Pilot, „Clean Aircraft Concept" (https://thewisepilot.com/?p=66266); Plane & Pilot, „Aircraft And Engine Preheat Is A Big Deal" (https://planeandpilotmag.com/aircraft-and-engine-preheat-is-a-big-deal/); Golf Hotel Whiskey, „Remember your preflight check on cold days" (https://golfhotelwhiskey.com/remember-your-preflight-check-on-cold-days/amp); aerointernational.de, „Fliegen Flugzeuge bei Schnee?" (https://www.aerointernational.de/aktuelles/fliegen-flugzeuge-bei-schnee-so-sicher-ist-fliegen-im-winter.html). Hinweis: Die Quellen stammen überwiegend aus Kanada und den USA bzw. beschreiben den Airline-Betrieb; für dein Muster gilt das Flughandbuch.